Post Scriptum: Mentale Resonanz

Suppiger Nebel brandet den Hain der Verlassenen hinunter über den Teppich des grasbewachsenen Tals, als du, kostümiert mit einem für die Jahreszeit unvorteilhaft leichten Hemd in rivalisierenden Komponenten unterschiedlicher Blauabstufungen, die karierte Wolldecke unter dem kahlen, in seiner Schieflage arthritisch anmutenden Baum aufschüttelst und an einer ausgewählten Stelle, wo feuchtes Moos das knöchelhohe, in der klammen Brise seufzende Gras verdrängt, mit einigen akkuraten Handkantenschlägen ausbreitest. Ich hatte deiner fixen Idee, an diesem kühlen, weitgehend bedeckten Novembernachmittag ein Picknick zu veranstalten – obendrein mit sämtlichen Schikanen, wie du euphorisch betont und mich in die Arme geschlossen hast –, nicht ohne berechtigten Einwand zustimmen wollen. Dein ungebändigtes Temperament jedoch, dein charmantes Dementi, mit dem du meine Zweifel letzthin zähmtest, ließ mich unverzüglich kapitulieren.

Ich schirme mit der Hand die Augen gegen den Scheinwerfer ab, der Wolkenformation, die sich mählich vom Horizont heranwälzt, aller Wahrscheinlichkeit nach würde erfolglos behaupten müssen, und schnuppere bereits den warnenden Geruch des Gewitter ankündigenden Ozons aus der Luft; sogar das milde, verführerische Aroma des Harzes, der aus den winzigen Wunden der Baumrinde blutet, sowie der erdige Duft des stillen Ortes, den du ausgesucht, verflüchtigen sich.

Du indes bist emsig beschäftigt, das teure Tafelservice auf der hier und dort Falten schlagenden Decke zu arrangieren; sehr präzise verteilst du Teller und Besteck, als wohne diesem ohnedies skurrilen Picknick in mancherlei Hinsicht eine nahezu militärische Strategie inne, dass allein die sorgfältige Platzierung des Porzellans und die ausbaldowerte Reihenfolge der mitgebrachten Speisen die vollkommene Harmonie garantiere. Du bist so eifrig bemüht, das schein-bar Unkomplizierte möglichst kompliziert, nach allen fachmännischen Regeln der Pedanterie, zu gestalten, dass ich leise schmunzeln muss. Just in diesem ansonsten trägen Augenblick dekorierst du, mit der Zungenspitze im linken Mund-winkel, ein Bund Weintrauben auf einem polierten Silbertablett neben ein paar Käsewürfel, und ich entsinne mich des Morgens, an dem du, eine schlichte Melodie aus dem portablen Radio mitsummend, den Käse, als hättest du mit einem Zollstock Maß genommen, in perfekte kubische Stücke geschnitten, und ich hatte, an einem Glase Sekt nippend, den Staub aus der Luft geatmet und nicht gewagt, dir einzugestehen, wie sehr ich dich gelegentlich vermisse.

Die geballte Wolkenfront nähert sich wie ein lauerndes Tier, das eine leichte Beute wittert. Der Himmel drängt sich um den Scheinwerfer, dessen Licht zusehends an Kapazität einbüßt, aber du, du kramst und wühlst nur weitere offenbar unentbehrliche Utensilien aus dem bauchigen Weidenkorb, immerhin dürfe es uns keinesfalls an Komfort mangeln, sagtest du, als wir die Haustür hinter uns schlossen, mit dem verlegenen Lächeln eines Großstädters, der sich erstmalig in die wilde Natur wagt als ein optimistischer Dompteur der Jahreszeit. Ausgerüstet mit allem erdenklichen Brimborium – sei es vom Flaschenöffner mit Kurbelmechanismus bis hin zu den mit orientalischen Ornamenten bestickten Stoffservietten –, scheinst du einen zeremoniellen Festakt auf die Beine stellen zu wollen, an diesem feuchtkühlen Novembernachmittag unter dem gekrümmten Stamm eines des Laubes beraubten Baumes.

Du reichst mir mit der Bitte, sie doch zu öffnen, eine Flasche Champagner (keinen Sekt diesmal, als genösse die Frage des Prestige besondere Geltung). Geschwind hast du auch die passenden Gläser parat – Flöten, wie du sie schelmisch nennst –, und ich mache mir nicht die Mühe, an den zwingenden Ernst unserer finanziellen Situation zu appellieren. Ich wage nicht, einen Moment zu zerstören, der so offensichtlich dir allein gehört, den du kreiert, den du geschaffen, den du kredenzt, den du ausstaffiert, den du schnörkellos inszeniert hast, einzig um mir das Herz zu öffnen.

So lapidar der gegenwärtige Augenblick, so sinnlos meine Gedanken. Ich schenke bereitwillig ein, der Schaum perlt über den Rand des Glases, und du lachst wie ein frivoles Kind, dessen nackte Füße von der Gischt des herantosenden Meeres beleckt werden. Auch wir stehen an einem Ufer, doch ist es uns vergällt, den Ozean der Zeit zu durchqueren. Das, so glaubtest du zunächst und mit naivem Zögern, machte ich dir zum Vorwurf, doch du irrtest selbstverständlich.

Du förderst eine Tupperware aus dem Korb ans schwindende Tageslicht; kaltes Hähnchenfleisch, am Vortage ursprünglich für das Abendessen geplant, wird auf die Teller verteilt. Ich betrachte, statt deiner Litanei, wie wohl du dich heute fühlst, gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, das verzweigte Gitternetz der Äste, die sich gen Himmel recken; ich verfolge mit argwöhnischem Blick den Zickzackparcours der Baumkrone, die sich scheinbar unversehens in einer großen Leere verliert. Ich studiere regelrecht die knochigen Details des schiefen Stammes, dessen Wurzeln sich so tief in den kalten Boden klammern, und eine Sekunde wünsche ich mich hinein in diesen Baum, hinein in sein harziges Holz. Ich kann mir diesen Wunsch nicht plausibel erklären, dessen Quelle sich wohl in meinem Unterbewusstsein im Laufe der Jahre mit dir gebildet hat; aber mich dünkt, dass, erst einmal zum Baume geworden, mich niemand hätte fällen können.

Du klopfst neben mir einladend auf die Decke und forderst amüsiert, ich möge doch endlich Platz nehmen, darnieder sinken zu unserem bizarren Picknick, und ich drehe den Kopf, um mich der düsteren Wolkenformation zu vergewissern, die etliche Tonnen Regenwasser mit sich führt, Gallonen an Tränen des Himmels, und es ist mir, auf eine latente Art zumindest, unheimlich wichtig, mich des drohenden Gewitters zu überzeugen.

(c) marco von rodziewitz

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