Nirgendwo

Nirgendwo  ( 26.2.2012)
Was für ein Elend! Die Tankstelle hat geschlossen. Nur eine miese Energiesparlampe verbreitet ein wenig schales Licht im hinteren Bereich. Der Tank meines Mini ist mehr als leer. Auf dem letzten Tropfen bin ich auf den Hof gerollt. Was mache ich jetzt? Ich schaue mich um. Wo bin ich hier gelandet? 100 km vor den Toren Berlins und es mutet an wie das Ende der ZIvilisation. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Aber welche? Die Dorfstraße wölbt sich unter dem Kopfsteinpflaster, als hätte sie sich unter Schmerzen gekrümmt. Wer darüber geht oder fährt, kommt nicht so leicht davon. Kein glattes Weiterfahren, kein Darüberhinwegrollen. Ganz im Gegenteil. Jeder einzelne Stein verursacht ein kleines Hindernis, zwingt zur Erinnerung. Denk daran! Weißt du noch? Vergiss nicht! Die Straße säumen vereinzelt geduckte, windschiefe Häuser, von deren Fassaden der Putz abbröckelt, aus deren Schornsteinen kein Rauch aufsteigt. Keine Häuserfront, nein, es sieht hier aus wie ein großer Mund, in dem zahlreiche Zahnlücken klaffen. Die Lücken geben den Blick frei auf unbestellte Felder, braune Erde, vertrocknete Halme. Ich gehe hinüber zu den Häusern. Schaue mich verstohlen um. Meine Neugierde ist mir peinlich. Mit beiden Händen schirme ich das Licht ab und presse mein Gesicht an eine Fensterscheibe. Drinnen sehe ich eine Art Wohnzimmer. Die Möbel sind alt. Grauer Staub bedeckt alles. Die Deckenleuchte ist umwoben von Spinnennetzen. In einer Zimmerecke steht eine vertrocknete Pflanze. Es mag einmal eine Zimmerpalme gewesen sein. Die  Blätter sind vor Trockenheit aufgerollt und schon lange nicht mehr grün.
An der Tür zum nächsten Zimmer liegt eine einsame Wollsocke. Wer hat die verloren? Wie eilig hat er das Haus verlassen, dass er sie zurücklassen musste? Wohin hat es ihn verschlagen?
Ich schaue mich um. Noch immer ist niemand zu sehen. Die Straße wie leergefegt, die Tankstelle verlassen, Häuser ohne Leben. Ich gehe weiter zum nächsten. Ehemals grüne Fensterläden, die aufgrund fehlender Farbe nun anmuten, als hätten sie Lepra, schwingen im Wind langsam auf und zu. Das klappernde Geräusch ist nahezu das einzige, das man hört. Nur ab und zu surrt eine Fliege vorbei. Ich frage mich, wo sie Nahrung findet und möchte es doch eigentlich gar nicht so genau wissen. Irgendwie liegt hier eine „zwölf Uhr mittags Atmosphäre“ in der Luft. Ich bin ratlos. Wenn ich hier weg will, werde ich den ADAC rufen müssen, denn ich kenne niemanden in der Nähe. Auf das Gespräch bin ich nicht gespannt, wenn ich erklären muss, warum ich ohne Benzin im Nirgendwo liegen geblieben bin. Wie heißt das Kaff eigentlich? Das sollte ich zumindest wissen, bevor ich das Handy bemühe. Ich mache mich also auf den Weg zurück. Nach ca. 500 Metern sehe ich das Ortsschild. Ich trete darum herum und muss grinsen. „ Nigdzie“, steht da. Na, das macht doch Sinn! „Nirgendwo“. Tja.

Über gwendolynn

Karin Brose, (geb. 1950), Autorin, Journalistin, Studienrätin; lebt in Hamburg

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