Berufung

Was für ein schöner Sommertag. Die Sonne schien, keine Wolke am blauen Himmel zu sehen, ein leichter Wind wehte und von überall zwitscherten die Bäume. Was für ein herrlicher Tag. Stefan wanderte am Fluss entlang, der sich wie ein blaues Band durch das grüne Tal schlängelte. Wie das Paradies schien es ihm, jedesmal wenn er hier entlang ging, das Wasser sah, die Wälder, die Wiesen, die Berge mit ihren Wäldern, die dieses Tal einschlossen. Doch wenn er an das Paradies dachte, schien es ihm manchmal wie ein Frevel und irgendetwas machte sein Herz schwer, doch er wusste nicht was. Er ging weiter, sah die tobenden Kinder, die sich an einer flachen Stelle in den Fluss warfen. Sah die Erwachsenen, viele mit Kinderwagen. Sah die Sportler, die Läufer, die Skater. Sah die jungen Frauen, die nur im Bikini ihm entgegen kamen. Sah ihre schönen Körper, doch er fühlte nichts. Keine Erregung, keine Begierde. Nur Scham, als er merkte, dass er ihre Körper betrachtete. Sah auch junge Männer, die den Frauen hinterher pfiffen, auch sie nur wenig bekleidet. Auch sie schaute er nur kurz an, fühlte auch nichts. Er spürte keine körperliche Liebe zu diesen Menschen. Aber was fühlte er?

17 Jahre war er alt, noch 2 Jahre bis zum Abi, aber was danach kam wusste er noch nicht. Naturwissenschaftliche Fächer interessierten ihn nicht, Sport interessierte ihn nicht, Deutsch nicht, Englisch nicht, Geographie nicht. Nur in Latein, Religion und Geschichte war er wirklich gut. Doch was sollte er werden mit diesen Fächern? Lehrer? Das kam für ihn nicht in Frage. Wenn er sich die Schüler von heute ansah, seine Klassenkameraden, die jüngeren Schüler so hatte er Angst vor der Zukunft. Und er wusste, dass die Schüler immer schlimmer wurden. Also was sollte er machen? In Gedanken versunken ging er weiter am Fluss entlang, entfernte sich von den anderen, ging dann vom Fluss weg und ohne dass er es wollte, stand er vor der kleinen Kapelle. Die Jungfrau Maria war dort, umgeben von Kerzen, Blumen und Verzierungen, behütete das kleine Christuskind. Stefan blieb dort eine Weile stehen, schaute auf das Bildnis. Minutenlang blieb er dort stumm sehen und irgendwann schreckte er hoch, blickte sich um, doch sah niemanden. Er ging zurück, den gleichen Weg wie vorher, sah wieder die Menschen, ihre Körper, ihre Aktivitäten, doch er spürte keinen Neid, keine Eifersucht.

Am späten Nachmittag kam er nach Hause, setzte sich noch kurz im Garten auf den Liegestuhl, schaute in den Himmel und dachte wieder über die Schule und seine Zukunft nach. Was sollte aus ihm werden? Sein Vater saß im Marketing einer kleineren Firma und seine Mutter war Buchhalterin in einer anderen Firma. Aber sowas wollte Stefan nicht machen, das war nichts für ihn. Mit Zahlen konnte er nicht umgehen, dafür hatte er einfach kein Gespür. Für die Schule reichte es zwar, aber für ein Berufsleben war es zu wenig. Vielleicht sollte er im Internet nach Berufen suchen, doch Computer waren auch nicht sein Ding. Er konnte sie zwar nutzen, schreiben, surfen, alles kein Problem, aber nur wenn er musste.

Um 23 Uhr legte er sich schliesslich schlafen und schlief auch schnell ein. Um 3 Uhr morgens wurde er allerdings aus dem Schlaf gerissen. Ein dumpfes Geräusch war ertönt und fast senkrecht saß er im Bett. Was war das? Es kam aus der Nähe, aus seinem Zimmer. Er wartete, hörte aber nichts weiter. Seine Eltern hatten auch nichts gehört, denn sie kamen nicht die Treppe hinauf. Er blickte sich im Zimmer um und sein Blick blieb am Teppich haften, der vor dem Bücherregal lag. Ein Buch war hinuntergefallen. Ein einzelnes Buch. Er atmete kräftig durch. Nur ein Buch.

Die Kommentare wurden geschlossen